Blind Date Edition #2 „Summer Wine“

Was kommt dabei heraus, wenn sich 11 GartenbloggerInnen zu einem festgelegten Song Gedanken machen und die entstandenen Beiträge zeitgleich ins Internet stellen? Unter dem Motto „Summer Wine“ hat jede/r von uns einen Beitrag zu dem gleichnamigen Song von Nancy Sinatra geschrieben.

Wir wissen nicht was die Anderen geschrieben haben, es gab keine inhaltliche Abstimmung und wir sind sehr gespannt auf das Ergebnis!

Mit dabei sind:

Hauptstadtgarten, Beetkultur, Der kleine Horrorgarten, Ye olde Kitchen, Rienmakaefer, Laubenhausmädchen, Karo-Tina Aldente, Cardamonchai, Sind im Garten und Milli Bloom.


Und schon geht es direkt los mit meinem Beitrag. Auf die anderen Beiträge gelangt Ihr durch einen Klick auf den jeweiligen Blognamen (oben).

Rausch, der (Substantiv, maskulin)

Bezeichnet einen emotionalen Zustand übersteigerter Ekstase bzw. ein intensives Glücksgefühl, das jemanden über seine normale Gefühlslage hinaushebt.

Take off your silver spurs and help me pass the time

Das Lied „Summer Wine“, geschrieben und komponiert von Lee Hazelwood, wurde in einer späteren Version im Duett mit Nancy Sinatra eingesungen. Sie übernimmt dabei die Rolle einer Verführerin, die Hazelwood mit ihrem Gesang und Wein erst die Sinne und anschließend die silbernen Sporen raubt. Odysseus lässt grüßen!  (In modernerer Fassung sehr liebenswert von den Coen-Bothers verfilmt: O Brother where art thou)

Im antiken Sinn könnte man Sinatra als Sirene bezeichnen. Das Sirenen auch in einer Doppelfunktion, also erst tierisch nervend und anschließend berauschend, existieren habe ich während des G20-Gipfels erfahren.

Sirenen gehörten in der Hansestadt schon Wochen vor dem Gipfel zum Alltag und wurden zum ständigen nervtötenden Begleiter, sowohl akustisch als auch optisch. Abends allerdings, wenn es dunkel war, wurden die Sirenen einer anderen Funktion zugeführt: sie waren das betörende Element einer eigenartigen Szenerie. Sie waren immer da, fuhren schwarmartig an einem vorbei. Ergänzt durch Böller, zerberstende Flaschen und Scheiben, marschierende Hundertschaften sowie menschliches Geschrei. Schließlich kam noch der Geruch von brennenden Barikaden hinzu. Ein perfektes Setting für das, was man einen Rausch nennt.

My eyes grew heavy and my lips they could not speak

Ich habe mich nicht an einen Mast gefesselt und kein Wachs in die Ohren gestopft wie Odysseus es klugerweise tat. Ich konnte den Verlockungen der Gesänge nicht widerstehen.

Zusammen mit meinem Freund Johannes durchschritt ich an diesem Abend ein magisches Tor. Von einem Moment auf den anderen waren wir inmitten vermummter Menschen. Die Masse geriet in Bewegung: „Sie kommen!!!“ … Scheiße!! Eben noch friedlich ins Gespräch vertieft mussten wir die Beine in die Hand nehmen … Mitten im Mob und verfolgt von stampfenden Polizeieinheiten. Wir besaßen leider keine flugfähigen Schuhe wie der Götterbote Hermes. Also besser schnell in einer Seitenstraße verstecken. Dies war zugleich der Zeitpunkt an dem ich zwar nicht meiner ‚Silver Spurs‘ beraubt wurde, aber meiner Sinne. Sie waren nun in einem Rauschzustand, den ich zuvor nicht kannte. Adrenalin schoss durch meinen Körper, ich wollte mehr.

Wenig später stellte ich fest, dass ich nicht der einzige war, der diesem Rausch verfallen war. Hier, nur ungefähr 200m vom Ort der härtesten Auseinandersetzugen entfernt, war alles voll mit Menschen. Im Hintergrund lief Musik und es herschte insgesamt eher Straßenfestatmosphäre. Das war sie also, die schweigende, feiernde und berauschte Masse, in der sich die Täter verstecken konnten. Jeder, der auch nur einigermaßen genau hinschaute, konnte sie sehen. Sie traten in Kleingruppen auf, waren entweder direkt vermummt oder hatten rote Wangen und weit geöffnete Pupillen. An diesen Gesichtern konnte man den Rausch unmittelbar ablesen. Eine Vorstufe zu dem, was sich kurz darauf Bahn brechen würde. Denn der Rausch, der sich dort manifestiert haben muss, hat noch eine ganz andere Dimension, die der völligen Enthemmung. Jedoch waren wir alle irgendwie Teil davon.

Irgendwann erreichte mich eine SMS meiner Frau: „Komm bitte nach Hause“. Das wirkte auf mich wie das Umlegen eines Schalters. Ich war wieder wach, die Sirenen abgestellt. Wir brachen kurz danach auf. Das SEK fuhr an uns vorbei …

When I woke up the sun was shinning in my eyes, my silver spurs were gone, my head felt twice its size

Der nächste Tag fühlte sich an wie eine Mischung aus Kater und Walk-of-Shame. Meine ‚Silver Spurs‘ waren weg.

Noch heute, einige Wochen später sehe ich alles vor mir. Es war definitv etwas besonderes passiert. In Hamburg, im Viertel und auch mit mir. Ich hoffe, dass Hamburg zur Ruhe findet und die Ereignisse vernünftig aufarbeiten kann. Zumindest die BewohnerInnen der Schanze sollten das gemeinsam hinkriegen. Die Politik verweigert leider bis dato den demokratischen Dialog.

FloraFenster_1SchwachkopfHate_HateFenster_2Plakate

 

 

 

 

 

22 Comments

  1. Krass! Ich bin ja nicht so der dangerseeker… aber ich kann voll nachvollziehen, was das mit einem macht! So eine Dynamik kenne ich von Konzerten, wenn eine Stimmung total schnell kippen kann. Alles ist emotional voll aufgeladen.

    1. Das war für mich in dieser Form und in diesem Ausmaß auch neu. Normalerweise mach ich um solche Dinge einen weiten Bogen …

  2. Sehr ehrliche Beschreibung davon, wie schnell man ungewollt in einen Sog geraten kann. Aber auch sehr unerwartete Umsetzung des Themas Summer Wine 😉

    1. Hi Anja. Das Ganze hat mich tagelang beschäftigt und wahrscheinlich musste das dann irgendwie raus. Diese Art von Rausch war mir neu.
      Ursprünglich hatte ich auch etwas eher romatisch-frisches im Kopf 🙂

  3. Meine Tante wohnt dort auch und ist u.a. wg. der Sirenen und permanent fliegender Hubschrauber aus Hamburg geflohen. Sie erzählte, dass diese Zeit insbesondere bei Kindern wahre Trauma ausgelöst hat. Ich hoffe eurer Tochter geht es gut!

    Toller Artikel, herzlichen Dank!

    1. Wir wohnen zum Glück etwas außerhalb. Gehört hat man es aber trotzdem ein wenig. Das war ja nicht nur an den Tagen des Gipfels unangenehm. Schon zwei Wochen vorher war hier dauernd Übung, Leute und Autos wurden durchsucht und es fühlte sich an wie eine Belagerung….

      Danke für das Kompliment 🙂

    1. Ich danke Dir sehr 🙂 Von diesem Beitrag gab es gefühlt 10 verschiedene Fassungen … und es hat nun so gar nichts mit Garten zu tun. Aber irgendwie musste das raus … es gab (und gibt) so viel was ich mir nicht erklären konnte und immer noch nicht kann …

  4. Schön um die Ecke gedacht.
    Ich wollte schon vom Handy den Like-Button drücken, das ging aber irgendwie nicht. Nun ja, mit dem Laptop hat es ja geklappt. 🙂
    Technische Grüße aus dem Garten 🙂

  5. Deine Geschichte ist mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gegangen! Als ich das heute morgen gelesen habe, dachte ich zuerst, man, das ist ja wie’n Krimi. Und dann dachte ich, das muss bitte jeder lesen, um zu verstehen – oder zumindest verstehen zu versuchen –, was da abgegangen ist. Danke dafür!

    1. Danke! Es war alles eigenartig an diesem Abend. In diesem Viertel ist ja schon auch häufiger mal Action. Von daher war das nicht neu. Auch wenn 1. Mai ist gibt es Auseinadersetzungen und viele Leute kommen extra um zuzusehen. Die trinken dann nebenbei Ihren Cafe usw.
      Aber das ist kein Vergleich. Die Leute mit den Steinen waren anders … das war komisch.
      Und ich stand da und alles wollte gleichzeitig in mein Hirn…

      1. Das kann ich mir vorstellen … Sich dem zu entziehen, war bestimmt nicht leicht – so wie Du es beschreibst ja im Grunde unmöglich. Ich scheitere allerdings jedes Mal, wenn ich Bilder davon sehe, auch am Anblick der Polizisten in voller Montur, das löst ebenso keine guten Gefühle aus!

      2. Olaf Scholz sagt: „Polizeigewalt hat es nicht gegeben, das ist eine Denunzation, die ich entschieden zurückweise“ … und wenn sich herausstellt, dass dem vielleicht doch so war, dann ist der Begriff der „Polizeigewalt ein Kampfbegriff der Linksextremen“ … hmmm, schon mal auf youtube geguckt Olaf?

  6. Etwas irritiert bin ich schon hier im Zusammenhang mit Garten und Summer Wine über die Hamburger Gewaltausbrüche zu lesen und Demo-Fotos zu sehen.Du beschreibst sehr intensiv die Szenerie…allerdings lösen deine Beschreibungen bei mir eher Angst aus. Das ist absolut kein ‚Summer Wine‘ für mich. Dennoch ist es dir durch diese Beschreibungen gelungen Erinnerungen von meiner ersten Demo in Berlin in den späten Sechzigern hochkommen zu lassen. Adrenalin mag da auch eine Rolle gespielt haben, aber wenn Blutdruck und Puls steigen neige ich eher zur Flucht als zum ‚Angriff‘.
    LG Sigrun aus dem Fließtal

    1. Hallo Sigrun,
      Du bist natürlich völlig zurecht irritiert. Ich habe auch lange überlegt, ob ich das in dieser Form umsetze oder nicht. Mich hat das Ganze aus unterschiedlichen Gründen sehr beschäftigt. Was ich in dem Text versuche, ist das Erlebte mit dem Thema ‚Rausch und Enthemmung‘ zu verknüpfen. Denn das ist das, was ich in den Gesichtern abgelesen habe. Zudem habe ich versucht, auch mein eigenes Verhalten irgendwie zu erklären. Das Thema ‚Garten‘ kommt dabei definitv zu kurz …
      LG
      Björn

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