Hinter der grauen Fassade

Dem Blog Elbgängerin folge ich schon seit längerer Zeit. Nicole nimmt den Leser mit auf eine „Fotoreise“ durch Hamburg und hat einen speziellen Blick für Kleinigkeiten und zudem eine sehr sympathische Art darüber zu berichten. Häufig finden sich auf Ihrem Blog … und noch häufiger auf Ihrem Instagramaccount … Bilder und Berichte über Streetart.

Als ich die Idee hatte, andere BloggerInnen darum zu bitten eine Geschichte zu den gesprühten Motiven an den Außenwänden unserer Gartenlaube zu schreiben war Sie meine erste Ansprechpartnerin (hier gehts zum Artikel darüber). Ich habe mich riesig über Ihre Zusage gefreut.

Medusa_komplett

Hinter der grauen Fassade

6 Uhr. Wie jeden morgen um diese Zeit klingelt ihr Wecker. Sie schält sich aus den Laken. Was folgt, ist Routine: Kaffeemaschine anmachen, pinkeln gehen, Zähne putzen, duschen, schminken und frisieren, bevor sie in ihre Arbeitsuniform steigt. Heute mal die graue Hose zur weißen Bluse. Farblos. Wie ihr Arbeitsleben.

Von 9 bis 17 Uhr gibt sie im Büro die graue Maus, die fleißig vor sich hin wuselt, Leistung zeigt, die aber niemand sieht, die keiner zu würdigen weiß. Sie ist einfach da und funktioniert. Mittags sitzt sie stumm mit ihren Kollegen beim grauen Essen. Die Alltagsbanalitäten der anderen interessieren sie nicht, sie lächelt und nickt nur zum Schein. Weil man ja irgendwie zur grauen Masse dazugehören muss.

In ihrem Kopf aber, da springen die Farben an, verdrängen das Grau. Sie hat eine Idee. Für eines ihrer Bilder. Denn ja, wenn der graue Arbeitsalltag vorbei ist, dann malt sie, zeigt der Welt, die nicht hinsieht, dass sie mehr kann, als grau zu sein. Aber ob jemand ihre Farben sieht, ist ihr eigentlich egal. Sie malt nicht für andere, sie malt für sich. Um in all dem Grau, das sie umgibt, atmen zu können. Um zu leben.

Der Job, der ist kein Leben, lediglich Mittel zum Zweck. Damit sie sich ihre Farben kaufen, ihre Ideen auf die Leinwand zu bringen. Bunte Welten voller Blumen und Schmetterlingen, Freiheit und Leichtigkeit, Kreativität und purer Lust am Leben an sich. Ihre Kollegen, ihre Chefs wissen nicht, dass sie alles andere als grau ist, dass sie eigentlich nicht zur Arbeitsmasse passt. Sie hat es ihnen nie gesagt. Warum auch? Wahrscheinlich würden sie eh nicht begreifen, welche Macht Farben haben. Zu sehr sind sie schon an ihre grauen Leben gewöhnt.

Sie aber nicht. Ihre wunderbunten Ideen schützen sie vor dem Grau des Alltags, vor der Farblosigkeit des Leistungszwangs. Jeden Abend, wenn sie nach Hause kommt, streift sie ihre graue Zwangsschutzhülle ab und fängt endlich an zu leben. Jeder bunte Pinselstrich ein Atemzug, jede Blume, jeder Schmetterling ein Lebensjubelruf. Ihre Freude ist bunt, nicht laut. Man kann sie nicht hören. Aber man kann sie sehen, wenn man genau hinschaut. Denn als am nächsten morgen der Wecker wieder um 6 Uhr klingelt, dreht sie sich noch einmal kurz um, will noch kurz ein wenig weiterschlummern, verschläft.

Damit sie pünktlich im Grau ankommt, reicht es nur für eine Katzenwäsche. Sie merkt nicht, dass da noch ein kleiner roter Farbklecks in ihren Haaren ist. Auf der Arbeit fällt das nicht auf. Niemand beachtet sie, niemand sieht sie wirklich an.

Als sie von ihrem grauen Mittagsessen an ihren Büroplatz zurückkehrt, wartet eine Überraschung auf sie: eine rote Rose liegt mitten auf ihrem Tisch. Dabei ein Zettel: „Weil sie die gleiche Farbe hat wie der bunte Tupfen in deinem Haar. Danke dafür.“ Ein anderer Buntmensch, gut getarnt im Grau des Alltags. Sie ist nicht allein. Die Farben in ihrem Inneren fangen an zu strahlen.

 

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